Gemeinde Biebesheim am Rhein

Navigation überspringen

» Startseite» Startseite » Städte-Partnerschaft Biebesheim am Rhein mit Romilly-sur-Andelle Deutsch-Intensivsprachkurs in Biebesheim (3)  

Städte-Partnerschaft Biebesheim am Rhein mit Romilly-sur-Andelle Deutsch-Intensivsprachkurs in Biebesheim (3)


Mittwoch, 12. März
Der Vormittag verlief wie die Tage zuvor, normaler Sprach-Unterricht von 8:30 bis 12:30 Uhr und danach Mittagessen bei der Firma Merck. Um 15:00 Uhr trafen sich dann die Kursteilnehmer mit Mitgliedern der Gastgeberfamilien in Gernsheim, Riedstraße 28, wo sich die denkmalgeschützten Gebäude des alten Elektrizitätswerkes der Stadt Gernsheim befinden. Diese wurden im Jahr 1995 von Mario Derra gekauft, saniert und als Atelier und Werkstatt eingerichtet, wo er als Künstler noch verschiedene originalgraphische Verfahren wie Radierung, Lithographie und Holzschnitt ausübt. Außerdem unterhält er hier zugleich ein kleines Museum mit einer weltweit gut aufgestellten Sammlung von Belegstücken zur Geschichte der Lithographie und historischen Drucktechniken sowie mehrere alte Druckerei-Maschinen, wie z.B. gusseiserne Steindruck-Schnellpressen, die zwischen 1901 und 1916 gebaut wurden und auch heute noch funktionieren und daher von ihm für seine künstlerischen Arbeiten rege genutzt werden.
Für die anwesende Gruppe wurde das Thema "Radierung" erläutert und mit praktischem Beispiel begleitet. Radieren bedeutet "Kratzen", d.h., das entsprechende herzustellende Motiv wird auf einer mit Wachs beschichteten Metall-Platte ausgekratzt. Für das Drucken kommt dann das Tiefdruckverfahren zur Anwendung. Hierbei wird Farbe, die sich in Vertiefungen der Druckplatte befindet, von besonders saugfähigem Papier heraus gesaugt, indem das Papier unter hohem Druck auf die Platte gepresst wird. Dieses aus den Tiefen der Platte herausgesaugt wird somit Tiefdruckverfahren genannt.
Möchte man mehrfarbige Motive erstellen, wie es hier bei der Präsentation der Fall war, sind natürlich mehrere Platten entsprechend der Anzahl der zu verarbeitenden Farben nötig, auf die dann nacheinander das Papier gepresst wird, wobei sich durch Vermischung von Farben beim Druck noch weitere Farbtöne ergeben können, z.B. werden blau und gelb zu grün.
 

Das Naturmotiv, das hier gedruckt werden sollte, bestand aus drei Platten, je eine für die Farben rot, blau und gelb. Somit ist klar, dass schon bei der Herstellung der jeweiligen Platten auch schon die farbliche Vorstellung im Kopf des Künstlers vorhanden sein muss. Die jeweiligen Motivteile werden durch das Wegkratzen des Wachses auf die Platte "gezeichnet". Dabei wird an diesen Stellen das Metall wieder sichtbar. Ist das Motiv fertig ausgekratzt, wird die Platte für eine kurze Zeit in ein Säurebad gegeben. Die Säure löst nun das sichtbare Metall durch Ätzen ab, während das Wachs den Rest der Platte schützt. So entstehen an den ausgekratzten Stellen Vertiefungen, in die später die Farbe für den Druck kommt. Sollen Farbtöne unterschiedlich intensiv sein, werden erst nur diese entsprechenden Stellen ausgekratzt und geätzt, danach wird das Motiv weiter ausgekratzt, wieder geätzt und so weiter, wobei sich die Stellen der vorherigen Ätzungen natürlich dann zusätzlich weiter vertiefen. Ist das Motiv auf der Platte fertig gestellt, wird die Platte vom gesamten Wachs gereinigt, Farbe aufgetragen und die Oberfläche wieder blank gewischt. Nun bleibt nur noch die Farbe in den Vertiefungen übrig. Das saugfähige Papier wird auf die Platte gelegt und beides wird unter hohem Druck gepresst. Dadurch saugt das Papier die Farbe aus den Vertiefungen heraus. Hat man Motive mit mehreren Farben, geschieht dieses Verfahren mit jeder Platte. Dabei ist es wichtig, dass Platte und Papier jeweils exakt justiert aufeinander liegen.
Für alle war klar, dass für die Kunst der Radierung äußerste Sorgfalt und ein gutes Vorstellungsvermögen unabdingbar sind, denn das Druckmotiv muss spiegelverkehrt auf die Platten gebracht werden. Nachdem die Platte zum ersten Mal ins Säurebad gegeben wurde, lässt sich an den geätzten Stellen nichts mehr rückgängig machen.
Nach diesem Ausflug in die Welt der Radierung begab sich die Gruppe zum Museum, vor dem das Peter-Schöffer-Denkmal steht, dem Mitbegründer der Kunst des Buchdruckes. Hier erläuterte Mario Derra die Historie des Buchdrucks und das damit verbundene Leben von Peter Schöffer, der ca. 1425 in Gernsheim geboren wurde. Er studierte erst in Erfurt und ging dann an die Sorbonne in Paris. Als er 1452 nach Deutschland zurück kehrte, arbeitete er als Mitarbeiter von Johannes Gutenberg mit an dessen Erstellung der 42-zeiligen Bibel.
Damit Johannes Gutenberg den Druck der Bibel realisieren konnte, benötigte er Geld für den entsprechenden Aufbau seiner Drucker-Werkstatt. Dieses lieh er sich vom Kaufmann und Juristen Johannes Fust, die Werkstatt diente dabei als Sicherheit. Im Jahr 1455 kam es jedoch zum Streit zwischen den beiden, denn Gutenberg war mit der Zahlung der Darlehenszinsen in Verzug geraten. Johannes Fust verklagte Johannes Gutenberg wegen Unterschlagung, wobei Peter Schöffer als Zeuge für Johannes Fust auftrat. Das Gericht urteilte zugunsten von Fust und so musste ihm Gutenberg seine Werkstatt überlassen, wo er Peter Schöffer als Werkstattleiter einstellte.
Dort realisierte er im Laufe der Jahre viele Einfälle, die den Buchdruck vereinfachten. Gemeinsam mit Fust wurde eine "Druckermarke" entwickelt, die ihnen ihre Druckerzeugnisse eindeutig zuordnen sollten. An der linken Seite des Eingangs zum Stadthaus ist diese Druckermarke zu sehen. Peter Schöffer heiratete später Christine, die Tochter von Johannes Fust und wurde dadurch nach dessen Tod Inhaber der Drucker-Werkstatt.
Die Städte Mainz und Gernsheim waren immer im Streit darüber, wer sich um die Buchdruckkunst am meisten verdient gemacht hat. So wurde in Mainz im Jahr 1827 zwar ein erstes Gutenberg-Denkmal aufgestellt, dieses war jedoch den Bürgern ob seiner nur mannshohen Größe zu popelig. Die Figur kann heute im Eingangsbereich des Gutenberg-Museums bewundert werden.
 


Die Mainzer Bürger wollten jedoch ein imposantes Denkmal haben und betrachteten die kleine Figur lediglich als Provisorium, von dem auch kaum Notiz genommen wurde. Pomp und Protz kosten allerdings viel Geld und so verging viel Zeit und das große Gutenberg-Denkmal konnte erst im Jahr 1837 eingeweiht werden.
In Gernsheim herrschte allerdings die Überzeugung, Peter Schöffer habe sich mehr um die Buchdruckkunst verdient gemacht. Die Mainzer Gutenberg-Denkmal-Pläne stachelten die Gernsheimer Bürgerschaft an, keine Mühen und Kosten zu scheuen und ein großes Peter-Schöffer-Denkmal zu errichten. Das kleine Gernsheim war dann auch ein Jahr schneller als Mainz und konnte schon 1836 sein Denkmal einweihen.
Ganz objektiv betrachtet würde es sich jedoch gebühren, in jeder der beiden Städte ein Denkmal mit beiden, Johannes Gutenberg und Peter Schöffer gemeinsam auf einem Sockel zu präsentieren, aber wie so oft überwiegen bei den Verantwortlichen Kleingeist, Neid, Missgunst und das Unvermögen, hervorragende Leistungen anzuerkennen, die der eine oder andere ohne dessen Partner nie gehabt hätte, denn die Buchdruckkunst stand damals am Anfang. Parallelen von damals sind auch heute noch zuhauf anzutreffen.
Mit mehr Erkenntnis in Historie und Kultur im Kopf endete der lehrreiche Ausflug und die Gruppe begab sich zu einer kleinen Erholung auf Spaziergang an den Rhein, bevor dann in einem Lokal in Gernsheim das Abendessen eingenommen wurde, zu dem die Gemeinde Biebesheim eingeladen hatte. (wird fortgesetzt, Bericht: Andreas Heister, Bilder: Mario Derra und Pascal Gérard)



 


nach oben  nach oben

Biebesheim am Rhein
Rathausplatz 1 | 64584 Biebesheim am Rhein | Tel.: 0 62 58 / 80 6-0 |